Hydrolate

Eine kleine Destille zur Herstellung von Hydrolaten
Darf ich vorstellen: Das ist “Leonardo”, mein Helfer bei der Herstellung kostbarer Hydrolate.

Diese kleine Pflanzen-Destille funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie es schon Leonardo da Vinci in Zeichnungen festgehalten hat, und eröffnete mir völlig neue Möglichkeiten für die Arbeit mit Pflanzen. Eigentlich sind Hydrolate ja “Abfallprodukte”. Sie entstehen bei der Destillation von Pflanzen, die meist deshalb durchgeführt wird, um das kostbare ätherische Öl zu gewinnen. Ich persönlich destilliere um des Hydrolats willen, weshalb ich auch das ätherische Öl in der Regel nicht völlig absauge, sondern Teile davon im Destillat belasse, was das Hydrolat noch ein Stückchen gehalt- und wertvoller macht.

Grundsätzlich kann man jede Pflanze in die Destille geben. Bloß was fängt man mit dem Ergebnis an? Nun, das hängt stark von der Pflanze ab, die man destilliert hat.

Mädesüß verwende ich zum Beispiel sowohl in der Küche wie in der Kosmetik, Salbei setze ich zum Würzen oder auch “medizinisch” als Rachenspray bei Halsweh ein, mit Löwenzahn experimentier ich an einer “Bitterkur” herum, Latschenkiefer wandert zwecks Schaffung eines angenehmen Raumklimas in die Aromalampe.  Die Spielvarianten sind unendlich und das Erkunden ein ständiges Abenteuer…


Was sind Hydrolate?

Hydrolate entstehen, indem Pflanzen einer Wasserdampfdestillation unterzogen werden. Wasser wird erhitzt, der Dampf steigt auf und „reißt“ auf seinem Weg nach oben die flüchtigen, leicht löslichen Inhaltsstoffe der Pflanze mit. Der heiße Dampf wird gekühlt, kondensiert dabei und das Destillat tröpfelt über eine Abrinnvorrichtung in eine separates Gefäß.

Dieses Destillat enthält dann zum einen die lipophilen Stoffe (das ätherische Öl), zum anderen die hydrophilen, also wasserlöslichen, konkret: das Hydrolat. Dazu eine Anmerkung: Während im ätherischen Öl keine wässrigen Anteile vorhanden sind, schwimmen im Hydrolat – selbst nach Absaugen des ätherischen Öles – eigentlich immer feine Öltröpfchen herum (es sei denn, man destilliert und trennt in High-Tech-Anlagen). Das Hydrolat stellt somit den “komplexeren” Teil der Destillation dar, was sich für meine Begriffe auch im schöneren Aroma zeigt.

Bei den meisten Destillationen steht die Gewinnung des ätherischen Öles im Vordergrund, womit das Hydrolat zum Neben-, wenn nicht Abfallprodukt wird. Nicht so bei mir. Für mich steht das Wasser im Zentrum meiner aromatischen Bemühungen, was den Anwendungs-Spielraum ungemein ausweitet. Beispielsweise, wenn es um Rezepturen im Rahmen der Traditionellen Europäischen Heilkunde geht: Viele unserer heimischen Pflanzen – etwa Holunder oder Mädesüß - geben zwar kein ätherisches Öl ab (zumindest nicht in abschöpfbarer Menge), liefern jedoch höchst aromatische Hydrolate!

Wofür verwendet man Hydrolate?
Hydrolate eröffnen eine unglaublich bunte Palette an Anwendungen. Ich persönlich setze die aromatischen Pflanzenwässerchen hauptsächlich in der Naturkosmetik, zur Herstellung diverser gesundheitlicher Hausmittelchen und  in der Aromaküche ein.

Naturkosmetik:
Hydrolate sind pur als Gesichtswasser ein absoluter Traum – schon allein wegen des Aromas. Und sie lassen sich auch bestens in Cremen und Fluids einbauen. Ich ersetze gerne die Wasserphase durch Hydrolate und dabei kommt vieles mehr als Rose zum Einsatz, so zum Beispiel Stiefmütterchen, Jiaogulan, Holunderblüten, Feigenblättern, Muskatellersalbei, Hopfen oder Günsel. Welches Hydrolat in welcher Dosierung gut tut, muss man dabei ganz einfach selbst austesten.

Die schnellste und einfachste Hautpflege besteht übrigens in einer „Schüttellotion“: Einfach zwei Teile Hydrolat mit einem Teil hochwertigem Pflanzenöl in eine Sprühflasche geben und vor dem Gebrauch gut schütteln. Natürlich lassen sich die Hydrolate auch zum Anrühren von Masken, Peelings etc. verwenden.

Aromaküche:
Gewürzhydrolate erweitern den kulinarischen Spielraum und eröffnen experimentierfreudigen Köchen neue Möglichkeiten. Hydrolate lassen sich sowohl in warmen wie kalten Speisen einsetzen, interessant werden sie vor allem durch ihre einfache Dosierung. Ob man die Hydrolate von Lorbeer, Koriandersamen, Zitronenbasilikum, Lavendel oder Minze nun löffelweise unterrührt oder direkt am Tisch ganz nach persönlichem Gusto "aufgesprüht" - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Für Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden:
Hydrolate können sowohl äußerlich wie innerlich angewendet werden. Das beginnt von einem gewissen Wohlfühl-Aroma (etwa mit Fichten- und Latschenhydrolat in der Duftlampe) bis hin zur unterstützenden Behandlung harmloser grippaler Infekte beispielsweise durch Einnahme von Mädesüß-Hydrolat (im Thymian-Honig-Tee oder in Kombination mit Kapuzinerkresse-Tinktur). Bei Gelenkschmerzen habe ich persönlich auch ganz gute Erfahrungen gemacht mit einem Gel, das ich mir aus Eucalyptus-Hydrolat sowie Arnika- und Beinwelltinktur herstelle.

Ich möchte hier ausdrücklich festhalten, dass ich über keine medizinische Ausbildung verfüge und somit nicht nur nicht berechtigt sondern fachlich auch gar nicht dazu befähigt bin, medizinische Ratschläge zu erteilen! Die “Gesundheits-” bzw. “Wohlfühl-Rezepte”, die ich auf meiner Seite veröffentliche, spiegeln ausschließlich persönliche Erfahrungen wieder. Wer - wie ich - sehr viel mit Hydrolaten experimentiert, greift bei diversen Wehwehchen nicht nur auf Tees, sondern auch auf die selbst hergestellten Destillate zurück.

Wer also krank ist: bitte zum Arzt!

Inhaltsstoffe von Hydrolaten
Was ist eigentlich drin im Hydrolat? So offenkundig sich diese Frage im Zusammenhang mit der Destillation von Pflanzen aufdrängt, so wenig klar sind die Antworten darauf. Streng wissenschaftlich genommen, lassen sich die Inhaltsstoffe an ihrer Wasserdampfflüchtigkeit festmachen: Moleküle mit einem Gewicht von bis zu max. 250g/mol werden vom Wasserdampf mitgerissen, alle anderen sind zu schwer. Das Molekulargewicht – die Molare Masse – entscheidet also darüber, ob die Substanz im Hydrolat drin ist oder nicht.

Zu den nachgewiesenen Inhaltsstoffen zählen diverse Terpene, Alkohole, Ester, Ketone, Aldehyde, Oxide, Phenole und Säuren. Wer sich für stoffliche Details interessiert, dem rate ich, in Heike Käsers Rührküche vorbeizuschauen, dort findet sich eine Liste von Inhaltsstoffen, sortiert nach Stoffgruppe, Molgewicht und Löslichkeit.

Bitterstoffe, Schleimstoffe und Gerbstoffe wandern nicht ins Hydrolat, sie sind zu schwer für die Destillation. Was jetzt – wie mir Chemiker versichert haben – so auch nicht ganz korrekt ist, weil in Spuren sind eigentlich nahezu alle Stoffe vorhanden. Eine stofflich absolut reine Destillation ist ja geradezu eine technische Herausforderung, die man in seiner eigenen Haushaltsdestille eh nicht zusammenbringt. Persönlich habe ich durchaus schon die Erfahrung gemacht, dass Hydrolate sehr wohl noch ähnlich wirken können wie die Stoffe, die ja gar nicht – oder eben nur in Spuren – drin sein dürften.

Um die Verwirrung bezüglich Inhaltsstoffen komplett zu machen, hier noch eine Info: Faktum ist, dass der Destillationsvorgang einen hochenergetischen Prozess darstellt, der auch neue Stoffe hervorbringen kann. Ein Beispiel dafür ist die Deutsche Kamille (Matricaria recutita): Das durch die Wasserdampfdestillation gewonnene ätherische Öl enthält das therapeutisch interessante Chamazulen, welches durch seine bestechend blaue Farbe ins Auge sticht. In der Pflanze findet sich jedoch kein blauer Farbstoff, dieser wird erst durch den Destillationsprozess aus dem farblosen Matrizin gebildet.

Ein anderes Beispiel, das ich der dünn gesäten Fachliteratur entnommen habe, betrifft die Rose: Nach der Destillation finden wir unter anderem den Stoff Rosenoxid vor, der in der Pflanze nicht enthalten ist, sondern erst durch oxidative Wasserabspaltung aus dem Alkohol Citronellol hervorgegangen ist. Sowohl die Information über die Kamille wie auch jene zur Rose habe ich in Dietrich Wabners Buch “Aromatherapie – Grundlagen, Wirkprinzipien, Praxis” (Verlag: Urban & Fischer) gefunden.

Ach ja: Welche Mengen von den jeweiligen Inhaltsstoffen im Hydrolat auftauchen, ist natürlich auch stark variierend! Bodenbeschaffenheit, Standort, Sonneneinstrahlung, Wind- und Wetterverhältnisse – die Bedingungen, denen die Pflanze während ihres Wachstums (und bei der Ernte) ausgesetzt war, beeinflussen massiv die Qualität und Quantität der verschiedenen Inhaltsstoffe.

Quellen:
„Ätherische Öle selbst herstellen“, Bettina Malle / Helge Schmickl, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-89533-552-5
„Aromatherapie“, Dietrich Wabner, Christiane Beier (Hrsgb.), Verlag Urban & Fischer, ISBN 978-3-437-56990-6
„Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe“, Eliane Zimmermann, Verlag Sonntag, ISBN 978-3-8304-9193-4

Haltbarkeit und Aufbewahrung
Meine Hydrolate sind 100-prozentig naturrein, ich gebe keinerlei Alkohol, Konservierungs- oder sonstige Zusatzstoffe bei. Dennoch habe ich bezüglich der Haltbarkeit beste Erfahrungen gemacht, viele Wässerchen zeigen selbst nach fünf, sechs oder mehr Jahren keinerlei Qualitätseinbuße. Das liegt unter anderem in ihrem niedrigen ph-Wert begründet: Hydrolate sind “sauer” und weisen damit ein wenig keimfreundliches Milieu auf.

Um sich möglichst lange am selbst destillierten oder gekauften Hydrolat zu erfreuen, sollte man dennoch einige Dinge beachten. Grundsätzlich gilt: Sonne, starkes (und vielleicht auch noch oftmaliges) Erwärmen sowie Verkeimungen sind zu vermeiden. Anders gesagt: Wer sein Hydrolat jahrelang auf dem südseitig gelegenen Fensterbankerl aufbewahrt, es ständig öffnet und den gesamten Freundeskreis daran schnupp(f)ern lässt, muss mit einer verkürzten Lebensdauer rechnen.

Am längsten bleibt das Wässerchen klarerweise stabil, wenn man es im unangebrochenen Fläschchen im Kühlschrank belässt. Tun Sie das nicht! Sie hätten damit sehr lange Zeit ein Hydrolat, von dem Sie im Grunde nichts haben. Warum? Weil erfahrungsgemäß im Kühlrschank aufbewahrte Wässerchen aus den Augen und damit aus dem Sinn sind. Man vergisst sie dann leicht.  Außerdem benötigt das Aroma eines Hydrolats, um sich entfalten zu können, “normale” Temperaturen und, ja, sogar ein bisschen “Luft” (Sauerstoff).

Ich selbst habe meine Wässerchen in der Küche – also bei normaler Zimmertemperatur – stehen. Das hat den Vorteil, dass sie immer in Sicht- und damit Ideenreichweite sind. Und stets ein prächtiges Aroma aufweisen. Manche stehen auf diese Weise monatelang herum, ohne “schlecht” zu werden oder zu kippen. Mein Ratschlag: Nicht aufbewahren. Verwenden! Jene Hydrolate, die nicht für die tägliche Verwendung in Reichweite stehen, werden (dunkel) in einem Schrank aufbewahrt. Selbiger muss nicht im kühlen Keller stehen, ich habe viele Flaschen über viele Jahre in einem Schrank in der Wohnung ohne Qualitätseinbuße gelagert.

Abschließend noch ein Hinweis: Hydrolate brauchen auch eine gewisse Zeit zum “Reifen”. Ein Holunderblüten-Hydrolat beispielsweise riecht bereits unmittelbar nach dem Destillieren ganz wunderbar. Doch wer am gleichen Destillat nach einem Jahr schnuppert, wird überrascht sein, wie geradezu wuchtig sich das Aroma entwickelt hat! Falls also mal ein Wässerchen direkt nach dem Destillieren etwas unspektakulär riecht, bloß nicht Nerven (und Hydrolat) wegwerfen. Warten! Und in ein paar Monaten schnuppern, was es gebracht hat.